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Wer Courage hat soll es zeigen

Lexikon der Anti-
Rassismusarbeit

Rassismus begreifen

Interkulturelles Lernen

No Nazis!

Initiativen gegen Rechts

No Nazis

ein Projekt mit zwei Zielrichtungen.


Die aktuellen Vorgehensweisen der neuen (und alten) Nazis, der NPD und der mit ihr verbündeten „Kameradschaften“ sind deshalb besonders bedrohlich geworden, weil sie konsequent an einer „Vergewaltigung“ der Bevölkerung arbeiten und nicht nur die Parlamente, sondern vor allem das Denken und Handeln der Bevölkerung unterwandern. Unter dem Motto „Unsere Zeit wird kommen“ warten sie auf den Tag der Zustimmung weiter Teile der Bevölkerung, um unser Land in Angst und Schrecken zu versetzen. Dabei setzen sie auf den Ausbau und die Vervielfältigung so genannter „national befreiter Zonen“, in denen sie glauben, das Recht und die Moral in die eigene Hand nehmen zu können.

Deutlich wird dies in Anti-Hartz-IV-Demonstrationen, in der Beteiligung an aktuellen z.B. Studentenprotesten, in Initiativen wie „Schöner und sicherer Wohnen in XY“, in der Übernahme von z.B. Che Guevara und ursprünglich eher linken Outfits und jugendkulturellen Symbolen, in der Platzierung von Kandidaten zur Schöffenwahl bei den Gerichten oder in Elternbeiräten, in diversen diffamierenden Vorschlägen zum Umgang mit „Undeutschen“, Zuwanderer/innen und Flüchtlingen, in der Einmischung in die lokale Wohnungs-, Jugend- und Ordnungspolitik und nicht zuletzt in Parolen, um die vorhandenen Ohnmachtsgefühle in der Bevölkerung in Macht und „nationale Größe“ zu verwandeln.

Die Erfahrungen mit der Thematisierung von Nazis und Rechtsextremismus zeigen aktuell fünf kritische Bereiche auf:
 

  1. Die häufig praktizierte Doppelstrategie von Ausgrenzung und Kriminalisierung,  ohne inhaltlich – politische Auseinandersetzung und Reibung, reduziert das Problem häufig auf einen formalen oder juristischen Schlagabtausch.
  2. In der Regel findet die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus nur reaktiv statt und endet, wenn sich das Problem aus den Schlagzeilen verabschiedet hat.
  3. Häufig wird die Darstellung von rechtsextremistischen Tätern und ihren Taten dramatisierend, unreflektiert und stereotypisierend vorgenommen.
  4. Oft wird Rechtsextremismus als ein monolithischer Block von Irregeleiteten oder Dummköpfen mit z.B. „Nazis raus“ – Parolen bekämpft, ohne seine asozialen, autoritären, xenophoben (krankhafte Furcht vor Fremden), antisemitischen, respektlosen (vor der Würde des Menschen) und undemokratischen Inhalte zu thematisieren.
  5. Fast überall mangelt es an breiten, kontinuierlich aufklärend arbeitenden Bündnissen, die über reine Symbolpolitik hinausgehen. Natürlich macht es Sinn, die Empörung und Abscheu über Rechtsextremisten plakativ auszudrücken – hilflos wirkt diese Moralisierung aber, wenn sich die Thematisierung und Auseinandersetzung mit den Botschaften der Nazis darauf beschränkt.


Die wirksame Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Gewalt, mit Gewalttätern und menschenverachtenden Parolenschwingern macht bei der Entwicklung von Gegenstrategien differenzierte Sicht- und Vorgehensweisen notwendig:

  1. Neue Nazis und Rechtsextremisten sind nicht nur ein moralisches, sondern vor allem ein gesellschaftlich – demokratisches Problem.
  2. Die neuen Nazis und der Rechtsextremismus sind nicht nur wegen ihrer Gewalttaten gefährlich, sondern vor allem wegen der sich verändernden Einstellung und Zustimmung in der Bevölkerung zu je einzelnen Inhalten, Aussagen und Vorgehensweisen.
  3. Rechtsextremisten haben kein „geschlossenes Weltbild“, sondern bündeln je nach Situation, Ort und Bevölkerung einzelne autoritäre, antisemitische, gewalttätige, xenophobe, asoziale und antidemokratische Aspekte.
  4. Nicht alle Rechtsextremisten sind dumm (denkschwach); argumentationsfähige Repräsentanten der Szene zeigen immer häufiger in der Schule, am Stammtisch, in den Jugendszenen, Parlamenten und Medien ihr Gesicht, ohne auf ernsthafte Gegenargumente zu treffen.
  5. Rechtsextremisten sind schon lange keine kleine, abgegrenzte, vernachlässigbare Gruppe mehr, sondern haben sich mit einzelnen Inhalten in der „Mitte der Gesellschaft“ verankert.


Aufgabe aller ernsthaft Beteiligten dabei ist es, sich mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu verständigen, um möglichst mit allen Sinnen zu begreifen, zu erfahren und zu verstehen, was Sinn macht, Wert hat, als Regel taugt und deshalb für alle gelten soll und kann.

Dabei geht es darum, Methodenrepertoires, Thematisierungswege und konstruktive Konfliktlösungen zu entwickeln, zu erproben und zu realisieren, damit Kinder, Jugendliche und Erwachsene selber herausfinden können, was gut oder schlecht für sie ist und damit sie auf Gewalt und Rassismus als scheinbare Lösungsmittel nicht zurückgreifen müssen.

Ziel ist es, im Respekt vor dem Gewaltmonopol des Staates Wege der aktiven Gewaltlosigkeit zu entwickeln, zu beschreiten und zu verstetigen, auf jede Rechtfertigung von Gewalt und Rassismus zu verzichten und den Transfer in die Alltagswelt zu realisieren.

Ein Jugendzentrum (JUZ „Auf der Höhe“) in Essen hat in einem beispielhaften Projekt gezeigt, wie die Auseinandersetzung mit Nazis, mit Rechtsextremismus und Gewalt zur Immunisierung der dortigen Jugendlichen beginnen und gelingen kann:

Unter der Fragestellung „Was brauchen Kinder und Jugendliche am allernotwendigsten, damit sie nicht auf Gewalt zurückgreifen?“ haben sie einen vierwöchigen Konsensfindungsprozess mit allen jugendlichen Besuchern durchgeführt. Jeder konnte auf einer Karte mehrere Bedingungen nennen, die anschließend auf einer großen Leinwand öffentlich gemacht wurden (ca. 50 Begriffe). In der zweiten Woche waren die Jugendlichen gebeten, jeweils zu zweit diese vielfältigen Nennungen zu diskutieren und sich dann gemeinsam auf die zwölf Wichtigsten zu einigen. In der dritten Woche wurden die „herausgefilterten“ Begriffe (noch ca. 30) veröffentlicht und neu in Vierergruppen diskutiert, bis sich jede der etwa 30 Kleingruppen wieder auf zwölf Bedingungen geeinigt hatte. In der vierten Woche diskutierten dann jeweils zwei Vierergruppen gemeinsam die bis dahin gesammelten Bedingungen und notierten die Ergebnisse auf der erneuerten Leinwand. In einer abschließenden Vollversammlung des Jugendzentrums fand dann eine einvernehmliche Abstimmung über die 12 notwendigsten Bedingungen, die Kinder und Jugendliche brauchen, damit sie nicht gewalttätig werden, statt:

Geborgenheit, Anerkennung, vertraute + verlässliche Partner/innen, Selbstwert, Zärtlichkeit, Liebe, Vertrauen, Atmosphäre, Raum und Zeit, Respekt, Wertschätzung, Orientierung.

Zwölf Ergebnisse, die aufhorchen lassen. Es sind exakt jene Merkmale die junge (und ältere) Leute in die Hände von Nazigruppen spielt und an denen nun die verantwortlichen Mitarbeiter/innen und die Trägergemeinde des JUZ unter der Fragestellung arbeiten: Wie lassen sich diese Bedingungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen realisieren und verstetigen? Der Vorschlag einer jugendlichen Besucherin, doch im JUZ einen offenen Kamin einzubauen und jeden Abend „Lagerfeuer“ anzumachen, um Geborgenheit herzustellen, zeigt die Richtung an in der die wirkungsvolle Auseinandersetzung mit Gewalt und Rassismus Wurzeln schlagen kann. Verblüffend an den zwölf wichtigsten Bedingungen gegen die Gewalt ist allerdings die Erkenntnis, dass es sich hierbei um exakt jene Mangelsituationen handelt, die Rechtsextremismus unter jüngeren und älteren Menschen befördern.

Weil die erfolgreiche Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus sowohl die kontinuierliche, aufklärende, inhaltlich - immunisierende Arbeit als auch die eher symbolische Botschaft braucht, haben wir zu dem Bündnis „No Nazis“ aufgerufen.

Weil die neuen (und einige alte) Nazis immer dreister werden und begonnen haben, überall in Deutschland „national befreite Zonen“ auszurufen und insbesondere Jugendliche für ihre Vorhaben einladen und missbrauchen, haben wir das Plakat und den Aufkleberbogen „No Nazis“ hergestellt. Unser gemeinsames Plakat kann neben anderen erprobten Strategien insbesondere auch bei Nazi – Aufmärschen und Demos dienen.

Weil wir wissen, dass die Rechtsextremisten vor allem auf „ihr Publikum“ scharf sind und Erfolg vor allem dann verbuchen, wenn sie z. B. mit möglichst viel Aufmerksamkeit, vielen Gegendemonstranten + entsprechender Öffentlichkeit und Medienwirksamkeit rechnen können macht es manchmal Sinn, ihnen das Wasser wie folgt abzugraben:

Strategie 1
Klebt in Absprache mit Eurer Stadt die Plakate vor dem Nazi Aufmarsch an geeigneten Stellen und der Nazi-Marschroute (bewährt haben sich auch leicht herstellbare Presspappenaufstellreiter), informiert, beratet und bittet alle Bürger, Firmen, Läden usw., die an der Nazi-Marschroute wohnen, diese Plakate für die Zeit des Nazi-Aufmarsches in die Fenster, Türen, an Garagentore, Häuserwände, Jägerzäune usw. zu hängen. Organisiert eine Gegendemo (oder beteiligt Euch daran), ein Konzert oder Rock gegen Rechts weit weg und lasst die Nazis alleine + ohne Zuschauer marschieren. Diese Strategie funktioniert nur, wenn sich möglichst alle daran halten und dies vorher kommunizieren.

Strategie 2
Klebt und lasst kleben wie oben und bildet in sicherem Abstand zu dem Nazi – Aufmarsch ein Spalier schweigender, ruhiger, fast totenstiller Gegendemonstrant/innen. Lasst Euch dabei nicht provozieren und aus der Ruhe bringen, zeigt Flagge (also Euer Plakat), haltet es gut sichtbar vor Euch den Nazis entgegen.
 
Strategie 3
Klebt das Plakat (oder die Aufkleber) in Eurer eigenen Einrichtung und beobachtet, was danach mit diesem Plakat geschieht. Wird es abgerissen, kommentiert, mit „Parolen“ verhunzt; gibt es Anlass in Eurem Hause aufklärend Verständigungsarbeit zu leisten? Gibt es Widerstände und welche sind das? …
 
Weil wir durch gezielte Reibungsprozesse und Öffentlichkeitsarbeit unsere eigenen Leute und die Bevölkerung hinter uns bringen müssen und dabei gute Argumente brauchen, empfehlen wir darüber hinaus den Aufbau einer kleineren praxisorientierten Handbücherei zum Themenfeld Rechtsextremismus, Gewalt und Rassismus mit Materialien zur unmittelbaren Arbeit ebenso wie zur Recherche und Analyse von Gewalt, Rassismus und Rechtsextremismus.

Brauchbare Hinweise dazu finden sich dazu z.B.

  • in der Edition Zebra: www.sos-rassismus-nrw.de
  • im Internetshop der SPD www.spd-shop.de : „Mit Recht gegen rechts“, „Versteckspiel“ oder „Wölfe ohne Schafspelz“ (auch wenn wir manchmal die Sprache und die Bilder der SPD, vor allem wenn sie Menschen zu Tieren machen wollen, nicht teilen).
  • in der umfangreichen Mediathek von IDA: www.idaev.de
  • in den Materialien des AK-Ruhr: www.ak-ruhr.de
  • in der Gewalt Akademie Villigst: www.gewaltakademie.de


Die „No Nazis“ DINA2 Plakate und DINA4 Aufkleber können je zu: 10 Ex = 5,- / 50 Ex = 20,- / 100 Ex = 30,- / jedes weitere 0,30€ bei:

SOS-Rassismus-NRW
Haus Villigst
58239 Schwerte
Tel: 02304-755190
Email: g.kirchhoff@aej-haus-villigst.de
bestellt werden.

Ralf-Erik Posselt
Haus Villigst 6-06